“Euro Trip”, Romanauszug

John Fritz stieg in seinen schwarz-glänzenden Ford. Die Sonne hatte an diesem Morgen den Asphalt schon viel zu stark aufgehitzt. Die Fremde, die sich seinem Wagen langsam näherte, schwitzte in ihrem grünen Wollpullover. Ihr Geruch kündigte die kleine Frau mit blitzenden Zähnen bereits an. Sie hatte ihren Sohn bei sich. Ausgestattet mit Handy und Gameboy verschwindet der nach knapper Vorstellung auf der Rückbank. Die nächsten Stunden dreht sich alles um das jeweilige Leben. Nelly arbeitete als Animateurin auf Griechenland, reiste viel und reiht nun Geschichte um Geschichte. Pünktlichkeit ist ihr nicht wichtig. Ihr geht es um das sichere Ankommen am Ziel, einem Pariser Vorort. Deshalb stört sie der Unfall, der sich auf der Strecke ereignet hat, nicht im geringsten. Für John sollen die Telefongespräche mit den weiteren Mitfahrern die letzten sein, die er auf dieser Reise macht. Er verlegt den Treffpunkt nach Barbès, dort wo der Kärcher viele Oberflächen gereinigt hat. Unterhalb stinkt es noch immer, der Kreislauf von Drogen, Kriminalität und der Aussicht auf eine Zukunft in der Sozialwohnung hält die hauptsächlich immigrierten Pariser auf der Straße. Auch an diesem Tag ist das nicht anders. In dem Schwarm aus telefonierenden Männern im grauen Anzug, verliebten Pärchen unter dem Regenschirm und Jugendbanden auf dem Weg zum Spielplatz geht Johns Ford fast unter. “Mais casse-toi!” (frz.: verzieh dich!) – offensichtlich regiert hier nicht mehr des Fahrlehrers Devise: John Fritz versucht trotzdem, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.  Mit zwei Stunden Verspätung findet er endlich seine neuen Fahrgäste. Eigentlich wollte er immer Taxifahrer werden, sofern im Leben vieles schief ginge. Jetzt, wo die drei Mitfahrer im Auto sitzen, weiß er warum. Giovanni, der Gelegenheitsmusiker diskutiert mit Produzent Olivier über die Branche. Cecile rattert ihren Lebenslauf herunter – nach der Schule ging sie zum Studium nach Paris, es folgten Praktika bei diversen NGO’s in Brüssel. Die Stadt ist auch heute ihr Ziel. In Gedanken an das Gespräch mit Cecile wird John an diesem Abend schnell einschlafen.  Taxifahrer, oder doch ein Job in der belgischen Hauptstadt?

Erstmal kommt eine andere Metropole. Beim Anflug verdecken Schleierwolken die Sicht auf die Wellen, die auf die dänische Küste zurollen. Für John sollen es nicht die letzten Wolken sein, die ihn auf dieser Reise behindern werden. Im Zentrum Kopenhagens angekommen, bezieht er die Wohnung der dort lebenden Freiwilligen. Eine Mittelstandswohnung, vier Zimmer, Küche und Bad. “Ihr werdet euch an einen anderen Standard gewöhnen müssen!” Die Worte der Organisatoren gehen ihm wieder durch den Kopf. Er denkt an sein Zimmer im Südwesten Frankreichs, ein kalter Raum mit hohen Wänden, Bad und Küche nicht vorhanden. Nun gut, andere leben neben Müllhalden unter einem Wellblechdach. Wie können Menschen, ohne ihr eigenes Dafürtun nur so schlecht dastehen? Wie ungerecht die Welt doch ist, denkt er bei sich.

“Hast du Geld für mich?” – die Gestalten kamen ganz plötzlich aus der dunklen Seitenstraße. John erledigte gerade sein Geschäft neben irgendeinem verrammelten Schuppen, als die drei Männer hinter ihm auftauchten. Aus dem Club für Homosexuelle war er die Berührungen bereits gewöhnt, John ließ die Finger bei sich und wartete, bis die Gruppe lachend abzog. Er ahnte nicht, dass dies der letzte Moment war, in dem er ein Mobiltelefon besaß.

Eine steife Brise wehte John um die Ohren. Sein Fahrrad, ein orange-farbiger, rostender Drahtesel trug ihn nur mit Mühe zum Ziel, dem Kopenhagener Flughafen. Vor einer Woche hatten sie in den Sieben-Uhr-Nachrichten von der Wolke aus Asche berichtet, die sich über Nord-West-Europa gesenkt hatte. Die Flughäfen auf Island, im Vereinigten Königreich und in Norwegen waren geschlossen worden. Zu Beginn hatte John dies alles nicht ernst genommen.  Eine Aschewolke, die den Flugverkehr lahm legt? Länger als eine Woche? Nein, das konnte nicht sein. Hätte er doch bloß ein Taxi genommen… Nun saß er auf dem geliehenen Rad, mit der Aussicht, das kalte, dänische Wetter noch länger aushalten zu müssen. Er kam nicht raus aus diesem kalten, feuchten Land. In drei Pullover gehüllt kam er schwitzend am Schalter der Airline an. Die dicke, ebenfalls schwitzende Frau saß zusammengesunken in ihrem Stuhl: “Ich kann ihnen derzeit keine Auskunft erteilen. Wir haben keinerlei Informationen über Konsistenz oder Ausbreitung der Wolke.” Verkehrsminister scheidet für mich als Berufswunsch aus, dachte John bei sich, als er ratlos das Flughafengelände überquerte.

Glück hatte er gehabt: eingeengt saß er nun, mit einem Tag Verspätung, in der Maschine, die ihn zurück nach Brüssel bringen sollte. Er hatte einen schönen Urlaub verbracht. Die Zeiten am Strand, im Hafen oder in einem der Cafés in der Kopenhagener Innenstadt würden ihm noch lange in Erinnerung bleiben. Schon in Brüssel war der Rotwein geflossen und auch bei seinem zweiten Stopp hatte er das Nachtleben genossen. Auf seiner nächsten Station, Den Haag, sollte das nicht anders werden. John ahnte nicht, dass seine Pläne durchkreuzt werden würden.

Nun stand er an der Haltestelle. Warten hatte John noch nie gemocht. Es ist so sinnlos, aber eben doch manchmal nötig und lohnenswert. Da kam der Bus. Umsteigen in die Nummer 4 am Schuman-Platz und er wäre da. Er würde seinen schwarzen Ford wiederfinden und schon heute Abend in Den Haag ankommen. Ahhhh, ihhh, faite attention! Die Leute fielen übereinander. Eine alte Dame hielt sich krampfhaft an ihrem Sitznachbarn. John, bepackt mit Rucksack und Tasche, eingeklemmt in der Menge, wurde nach vorne gepresst. Die Metro hatte plötzlich angehalten. War es ein Defekt, die Notbremse oder doch nur ein ganz normaler Vorgang, den der Schaffner täglich durchführte? Nur schnell raus hier, rauschte es John durch den Kopf. Er war in die falsche Richtung gefahren, hatte Fahrpläne studiert und sich schlussendlich nicht mehr an den Namen der Haltestelle im Süden Brüssels erinnern können. Jetzt stand er auf dem Bahnsteig. Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. Er blickte auf seine neuerworbene Tasche und erschrak – das vordere Fach stand offen! Er wusste noch genau, wie er sein Portemonnaie hektisch eingesteckt und den Reißverschluss geschlossen hatte. Nun stand er da, ohne Geld, ohne Papiere, ohne Möglichkeit, die anderen zu erreichen. Denn auch sein Mobiltelefon hatte er verloren. Ruhe bewaren! Irgendwie, war er noch aus jeder Situation rausgekommen. Er fühlte sich gesund und wusste, dass er seine Freunde schon irgendwie kontaktieren könne.

“Sie sollten besser zurück nach Deutschland, Herr…Fritz!” John stand in der Deutschen Botschaft im Brüsseler Polit-Distrikt. Er hatte es schon geahnt, doch jetzt war der Besuch seiner Kollegen in den Niederlanden endgültig unmöglich geworden. Er würde sich am nächsten Tag in sein Auto setzen und den langen Weg in Richtung Heimat antreten. Doch zuvor, dass schwor er sich, würde er noch einmal Halt in der Niederlande machen. Er drehte den Zündschlüssel um, in der Aussicht, noch viele weitere Kilometer in seinem Leben zurückzulegen.

Euro Trip, von Jörn Fritzenkötter, gebundene Ausgabe, 236 Seiten

Möchten Sie mehr über die Abenteuer von John Fritz erfahren? Schreiben Sie ihm doch einmal eine Nachricht ! Sofern dies bereits geschehen sein sollte, wird die Antwort Sie bald erreichen. Vielen Dank für all die Zusendungen, die mich bereits erreicht haben. Sie geben mir Kraft und Inspiration für neue Seiten.

Jörn Fritzenkötter

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Euro Trip”, Romanauszug

  1. Ja, wie cool! Das Buch will ich sofort haben! In der Erstausgabe!
    Wenn das nicht die Spiegel-Bestsellerliste erklimmt und gleich danach den Literaturnobelpreis einheimst, dann weiß ich auch nich… ;)

    • Jörn

      Durch die komplizierten Wetterbedingungen auf der britischen Insel ist es leider zu einem Lieferengpass gekommen… Die Aschewolke ruiniert mein Geschäft.

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