Leute kommen, Leute gehen

Mein Freund, der PilgererIch brauche bei jedem Text, den ich schreibe, ein Thema, denn sonst könnte ich die vielen Eindrücke, die ich sammle, nicht kurz und verständlich wieder geben (in der Hoffnung, dass mir das bisher einigermaßen gelungen ist).  Nennen wir das Ganze bei diesem Mal also “Begegnung”, welch’ schönes Wort, welch’ Poesie. Und schon sind wir auch schon beim ersten Punkt, denn vor einigen Tagen habe ich mir Franz Kafkas “Verwandlung” auf Französisch im Theater angesehen. Mit seinen diffusen Gedankengängen und einer kreativ-andersartigen Marionetten-Inszenierung liefert er mir einen guten Grund, warum auch dieser Text eine chaotische Note erhalten könnte. Es ist in den letzten Wochen nämlich Einiges geschehen, ich habe Altbekannte wiedergetroffen und neue Leute kennengelernt. Ich ziehe das Pferd von hinten auf: Derzeit wandert mein Freund Micha auf den Pfaden des Jakobsweges, 87 Kilometer hat er bis hierher geschafft und das, ohne ein Wort Französisch zu sprechen. Er beansprucht Hände und Füße folglich auch Abends noch zur Kommunikation, dafür möchte ich ihm hier meinen Respekt zollen. Letztes Wochenende haben wir einen Wochenendausflug nach Perpignan und die spanische Mittelmeerküste unternommen. Ich zeige Euch ein par Bilder von Sonne und Schnee, Felsen und Meer…

Das ist das Mittelmeer!


Rosés

Die zurückliegenden Winterferien verbrachte ich in Strasbourg. Neben vielen Feten und Treffen mit Erasmus-Studenten habe ich eigentlich gar nicht so viel getan. Wir haben uns Science-Po in Nancy (eine “Uni” für Politikwissenschaften) angesehen, viele gute Gespräche geführt und Momente erlebt, die mein Jahr in Frankreich auf jeden Fall bereichern. Und dass nicht nur, weil Alberto in einen Baustellensee gefallen ist. Übrigens bin ich nun mit Papas Auto unterwegs, was mir doch sehr hilft. Dadurch konnte ich sogar meine Ferien verlängern, denn wegen einer Panne musste ich zwei Tage länger in Strasbourg bleiben, um dann alleine eine 11 1/2- stündige Tour quer durch Frankreich bis nach Figeac zu unternehmen. Als Zwischenstation auf meiner Reise von Deutschland zurück nach Figeac geplant, bin ich fast zwei Wochen in Strasbourg geblieben, um meine Feierlaune etwas zu befriedigen. Insgesamt waren es sehr gute aber auch sehr anstrengende Ferien. Denn zu dem kaputten Auto kam mein fast täglich wechselnder Schlafplatz. Dieser war mir während des vorangegangen Austauschs in Deutschland sicher, konnte ich doch eine Woche zu Hause verbringen. Die Ecole Jeanne d’Arc pflegt seit 30 Jahren einen Partnerschaft mit der Marienschule der Ursulinen in Bielefeld – ich durfte die 20-köpfige Gruppe als Stadtführer, Übersetzer und Pausenclown begleiten. Wenig Schlaf war auch während dieser Zeit der große Nachteil, dafür entschädigten die vielen Treffen mit Freunden und Verwandten, bevor ich nun bis zum 17. August – meinem Ausreisetermin – nicht mehr wiederkommen werde. In Deutschland haben wir trotz einer pausenlosen Schneeschlacht (Bilder von ungläubigen Südfranzosen, die verzweifelt die Bielefelder Sparrenburg zu erklimmen versuchen, sind beigefügt) einen tollen Austausch erlebt. Viele neue Freundschaften sind entstanden und entgegen aller Befürchtungen, dass die Deutschen es nicht verstehen könnten, wenn man ihnen gleich zu Beginn herzlich drei Bussis auf die Wangen haucht, herrschte während des gesamten Austauschs eine richtig gute Stimmung. Die fremde Gruppe bekam mit Bielefeld eine hässlich-graue Stadt zu sehen, die dafür wesentlich mehr Jugendliche beherbergt. Dementsprechend wurde das Tanzlokal-Angebot hinreichend in Anspruch genommen. Tagsüber ging es zu den touristischen Perlen in OWL: Detmold. Mein Lieblingsprogrammpunkt war allerdings die Fahrt nacht Bremerhaven ins Klimahaus, in dem eine Weltreise in die verschiedenen Klimazonen des Planeten Erklärungen, Situationsbeschreibungen, Ausblicke und Lösungsvorschläge in Zeiten des Klimawandels aufzeigt. Mein zweiter Besuch im Klimahaus brachte mir wieder einige Ideen, wie ich mein Ökologie-Atelier in der Schule ausgestalten könnte. Für das zweite Halbjahr habe ich eine neue, 14-köpfige Gruppe erhalten. Sehr interessant ist, dass es viele verschiedene Positionen gibt – vom Klimaschützer bis zum “Die Kühe sind doch ganzallein für ihren Mist verantwortlich” ist alles zu finden. Da ich mittendrin in den Studienplatz-Bewerbungen stecke, die Reise in den Senegal (ich begleite 16 Jungs und Mädchen bei ihrem humanitären Praktikum nach Ziguinchor) immer näher rückt und die Frühlingsgefühle bei Temperaturen von 20°C Jungs und Mädels im Internat dazu veranlasst hat, immer mehr Grenzen zu überschreiten, ist das gemeinsame Vorhaben mit zwei anderen Lehrern, die Ecole Jeanne d’Arc in ein Ökologie-Projekt (“Öko-Schule”) einzubinden, der Grund, warum ich schon wieder mittendrin im stressigen und arbeitsreichen Alltag meines FSJiAs bin. In den vergangenen Monaten habe ich viele neue und alte Gesichter gesehen, viele Leute werden hoffentlich auch noch da sein, wenn ich das nächste Mal zu Hause bin, viele neue Gesichter, werde ich hoffentlich noch besser kennenlernen, bevor sich dann meine Situation wieder wandeln wird. Kafka hat das Stück wirklich gut geschrieben, nur war es wirklich ein bisschen zu außerirdisch für mich. Die verwandelte Hauptperson, durch ihr deformiertes Äußeres in ihrem Zimmer praktisch gefangen, liefert mir ein Beispiel, immer an die positiven Seiten meines Jahres zu denken und nicht daran zu verzweifeln, wenn mal wieder eine Person geht. Vielleicht kommt ja um die nächste Ecke schon jemand anderes.

PS: Weitere Bilder gibt’s in meinem Flickr-Album. Einfach rechts auf “Schau her – Bilder aus Figeac” klicken.

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